08.06.-14.06.2026
Hallo Menschen,
Ich war am Montag in einer diakonischen Einrichtung und berichtete noch vom Mythos rund um Mythos. Und einen Tag später kommt dann tatsächlich das sagenumwobene Claude Mythos als "Fable 5" raus. Allerdings um wichtige security-bedingte Funktionen gekürzt. So dürfen keine Fragen zu Security, Biologie und sonst noch was gestellt werden. Fable 5 springt dann direkt auf Opus 4.8 zurück und kommuniziert dies. (Hier ein Video dazu.)
Von den Benchmarks her ist das neue Modell in der Tat sehr beeindruckend. Wenn man's denn braucht, denn im Alltag sind die Aufgaben in unserer Welt aktuell in den meisten Fällen noch nicht so komplex, als dass wir mit dem Ferrari zum 50m entfernten Bäcker Brötchen holen fahren würden. (Sollte man eh nicht.)
Und: Fable 5 ist so dermaßen teuer, dass es ungefähr das doppelte an Token verbrennt, als Opus 4.8 bislang. Und genau aus diesem Grund wurde Fable 5 auch nur bis zum 20.06. in den Claude-Abos freigeschaltet. Quasi zum Testen. Was viele - mich eingeschlossen - eben auch ausführlichst gemacht haben. Ich hab "alten" Code genommen und mal völlig überarbeiten lassen und richtig tiefe Recherchen durchführen lassen, Automatismen gebaut und, für Nerds: Ich saß auch noch an einem OmniFocus-Ersatz, der die Fähigkeiten in Obsidian abbildet und mit meinem CRM koppelt.
Textqualität ist meines Empfinden nach übrigens nicht besser geworden, aber dafür ist Fable 5 vermutlich auch gar nicht gemacht.
Alles halt noch schnell mal machen, bevor es sich niemand mehr leisten kann.
Aaaaber, dann am Freitag Abend der bekloppte Orangenmann von über'm Teich und stoppte das alles, weil man aus Fable 5 eventuell doch Mythos-Funktionen rauskitzeln könne. (Ich bezweifle, dass Trump selbst diese Komplexitäten versteht, aber es war dennoch die US-Regierung.) Jetzt ist also erst mal wieder Ende mit Fable 5. Warten wir also ab.
Langweilig wird es sicherlich dennoch nicht.
Es gibt Anzeichen dafür, dass es einen kleinen Preiskampf zwischen OpenAI und Anthropic geben könnte und Google haftet für falsche KI-Antworten. Island und Anthropic arbeiten jetzt bei der Bildung zusammen.
In Albanien sitzt seit September die nach eigener Aussage weltweit erste KI-Ministerin im Kabinett. Sie heißt "Diella", albanisch für Sonne, hat einen animierten Avatar in Tracht bekommen und sollte dafür sorgen, dass öffentliche Ausschreibungen "zu 100 Prozent frei von Korruption" sind. Premier Edi Rama nannte sie öffentlich "meine Tochter" und "sehr loyal gegenüber ihrem Vater". Diese Woche stand das Konstrukt vor dem Verfassungsgericht, denn gegen die Betreiber laufen Ermittlungen wegen organisierter Kriminalität und die Opposition will geklärt wissen, ob ein Algorithmus überhaupt in einer Regierung sitzen darf, der niemandem gegenüber rechenschaftspflichtig ist.
Ministerpräsident Mario Voigt ließ einen Gastbeitrag für die FAZ offenbar zu 100 Prozent von einer KI schreiben, ohne das kenntlich zu machen. Die FAZ hat den Beitrag wieder gelöscht. Beide Fälle drehen sich um genau die Frage, die wir in Workshops immer wieder durchkauen: Wer übernimmt die Verantwortung, wenn die Maschine schreibt oder entscheidet? Ein Avatar in Tracht tut es nicht und ein gelöschter Gastbeitrag auch nicht.
Unter dem Stichwort "Loop Engineering" beschreiben gerade mehrere Leute, dass gutes Prompten nicht mehr die entscheidende Fähigkeit sei. (Nichts Neues, über die Bedeutung von Kontext reden wir seit Monaten in den Workshops.) Boris Cherny, der bei Anthropic Claude Code verantwortet, formuliert es so: Er prompte nicht mehr, er baue Loops, die für ihn prompten. Statt mit dem Werkzeug Satz für Satz zu hantieren, entwirft man ein kleines System, das sich die Arbeit selbst sucht, sie erledigt, prüft und den nächsten Schritt bestimmt. Das ist noch früh und der Autor selbst ist skeptisch, vor allem bei den Token-Kosten. Aber die Richtung ist klar und sie verändert, was "mit KI arbeiten" überhaupt heißt.
Und vielleicht kommt nach der WWDC ja jetzt doch noch mal was von Apple in Sachen KI/Siri/whatever.
KI-News mit Relevanz für die Sozialwirtschaft
Es gibt jetzt eine Liste des Widerstands. Die AI Resist List ist diese Woche gestartet, eine offen zugängliche Datenbank, die weltweit dokumentiert, wo sich Menschen gegen die "Skalierung um jeden Preis" wehren: über Klagen, Arbeitskämpfe, Community-Kampagnen und technische Gegenwerkzeuge. Die Grundthese ist simpel und für unsere Arbeit relevant: dass diese Entwicklung alternativlos sei, ist eine politische Erzählung, kein Naturgesetz.
Dazu passt eine Analyse aus dem Standard, die zeigt, wie der Widerstand gegen KI gleichzeitig breiter und radikaler wird, und wie US-Behörden anfangen, Protest und scharfe Meinung pauschal als "anti-tech violent extremism" zu klassifizieren. Beim Lesen lohnt es sich, beide Bewegungen auseinanderzuhalten: die wenigen militanten Einzelfälle und das gesamtgesellschaftliche Stimmungsbild, das schlicht kippt.
Ein neuer Bericht schätzt, dass KI-Rechenzentren 2030 so viel Wasser verbrauchen könnten wie 1,3 Milliarden Menschen. Die mediale Pointe, man solle aus Umweltgründen auf Höflichkeit gegenüber dem Chatbot verzichten, ist albern. Die Größenordnung dahinter ist es nicht, und sie gehört in jede ernst gemeinte Rechnung, wenn eine Organisation über KI-Einsatz nachdenkt.
Weitere:
Magnific (vormals Freepik) hat jetzt einen MCP-Server, falls ihr Bildbearbeitung in eure KI-Workflows hängen wollt.
Nature fragt, ob KI die Sozialwissenschaften ruiniert oder revolutioniert.
Stroop-Effekt: KI-Modelle scheitern an klassischem Aufmerksamkeitstest
Anthropic: Wenn KI sich selbst entwickelt
Bots übernehmen das Internet früher als gedacht
Direkt aus und für die Sozialwirtschaft
D3: KI ist kein IT-Projekt: Wie soziale Organisationen gute Anwendungsfälle finden
Fundraising-Magazin: Wer Spendenformulare und Fundraising-Tools betreibt, sollte prüfen, ob die manipulativen Design-Muster, die jetzt reguliert werden, womöglich in den eigenen Abläufen drin stecken.
Amnesty International hat einen Bericht vorgelegt, der die menschenrechtlichen Kosten generativer KI aufschlüsselt: "Unlawful by design".
Māori Text-to-Speech Model Spurns Big Tech’s Values
Diese Woche erst entdeckt
Die EU hat ein einheitliches Icon-Set zur Kennzeichnung KI-generierter Inhalte vorgelegt. Klingt nach Kleinkram, ist aber genau das, was in der Praxis fehlt, wenn ihr in der Kommunikation sauber kennzeichnen wollt, was aus der Maschine kommt. Dürft ihr einfach so nutzen.
OpenCode, eine offene Alternative im Agenten-Bereich, jetzt auch auf Deutsch. Ausprobieren.
Trivia und Mini-Projekte der Woche:
Mir ist ein recht neues und nicht ganz günstiges Gerät heruntergefallen, Glas kaputt, natürlich keine Garantie. Ich hab den Hersteller angeschrieben (alles auf englisch). Nee, Reparaturen machen sie nicht. Aber sie bieten mir ein Austauschgerät an, irgendwie auch für einen fairen Preis. Nach der 3. Mail hin und her schreibt mir die 3. "Person", wie das denn geht und was ich im Return-Bereich auf der Website machen und klicken muss.
1. Versuch: Stimmt nix von dem, was sie mir geschrieben haben. Beschwert. Nächste Mail, nächste Anleitung: Geht wieder nix, aber ich schicke Screenshots mit von meinen Versuchen.
Nächste Mail, nächster Name, nächste Anleitung: Wieder nicht. Eine Runde schieb ich noch, wieder ein neuer Name. Klappt wieder nix. Immer nur allgemeines Sorry-Blabla. Ich schreib zurück, dass ich aufgebe und mich nicht von KI-Namen und KI-Allgemeinsätzen abspeise und Ende. Eine Stunde später kommt 'ne Mail: "I’ve now escalated your case to our fulfillment team so they can review what happened." Es meldet sich Person Nummer 4 (oder 5?) und entschuldigt sich und sagt, dass das nicht an mir gelegen hat, sondern das System gerade "technical issues" hat, es nun aber wieder funktioniere. Wie ich es denn jetzt gerne hätte? Und dass ich nebenbei das alte Gerät nicht mehr einschicken müsste, weil der Schaden ja durch meine Fotos gut dokumentiert sei.
Meine Antwort: Super, warum nicht gleich so? Schickt mir den Link. Es meldet sich ... tadaa... Name (KI?) Nummer 6 mit einer Anleitung und einem Link. Der funktioniert auch soweit. Und was wird als erstes verlangt? Bitte schick uns zunächst Dein kaputtes Gerät zurück...
Keep you postet.
Neues auf der Website im Werkzeugkasten
Geht mal in die Tools, da hab ich einiges ergänzt und hinzugefügt.
Video der Woche
Foto der Woche: Summer 2025 Throwback - Bornholm Granit
Habt es schön.
Maik