Schon komisch. Das erste Gif, das mir zum Thema Unabhängigkeitstag einfällt, ist das hier:
Das ist ausgerechnet aus Indepence Day, einem amerikanischen Film aus den Neunzigern, den ich damals echt gut fand. Die Amis haben’s halt drauf, mit diesen ganzen Feiern zum 4. Juli. Aber sie haben es auch echt drauf, digitale Abhängigkeiten aufs Feinste zu schaffen.
Wer mich kennt und meine Themen verfolgt, weiß, dass ich seit jeher immer netzpolitisch interessiert bin und zu den Seiten schaue, was es so an alternativen digitalen Lösungen jenseits des Mainstreams gibt.
WhatsApp? Hab ich nicht.
Das letzte Mal an einem Windows-Rechner gesessen? 2012, bei meinem letzten Dienstgeber.
- Gmail? Ja, Google-Konto habe ich, aus Gründen, aber eben noch nie für E-Mails.
- Twitter: Vor Jahren Kontos nach der rechtsradikalen Übernahme platt gemacht. Das hat echt geschmerzt.
- Facebook: Konto endgültig gelöscht vor circa zwei Jahren.
- Insta: Inaktives Konto noch da, aus beruflichen Gründen. Schaue 2-3 Mal pro Jahr rein.
- Adobe Suite: Nö. (Ich verkaufe aber noch ein paar Stockfotos darüber.)
- Word, Excel und Powerpoint: Muss ich Gott sei Dank nur 1-2x im Jahr öffnen.
Und ja, es gibt immer noch große Lücken, dazu aber gleich mehr.
Aktuell wird jeden Tag mehr deutlich, in welche Abhängigkeiten wir uns alle so begeben haben, insbesondere seitdem der orange Mann noch mehr radikale und unfassbare Dinge tut. Und alle großen amerikanischen Unternehmen Microsoft kuschen und spielen mit.
Einer der krassesten Fälle ist sicherlich das Einfrieren von Mail- und Bezahlkonten des obersten Anklägers des Internationalen Gerichtshofs, weil dem Regime in Washington nicht gefallen hat, dass er seine Arbeit macht.
Microsoft selbst ist nicht in der Lage, europäische Datensouveränität sicherzustellen, wenn amerikanische Behörden freundlich anklingeln. (Noch eine zweite Quelle dazu.) Das betrifft natürlich nicht nur Microsoft, sondern auch noch viele weitere ähnlich große Unternehmen.
Was geschieht denn, wenn nun nicht nur dem Chefankläger der Schalter umgelegt wird?
Möglichkeiten dafür gibt es genug. Nach übereinstimmenden Berichten krallt sich das aktuelle Outlook sämtliche E-Mail Zugangsdaten auch von nicht-Microsoft Mailkonten und leitet diese an eigene Server weiter, vermutlich zur kompletten Auswertung.
Was bei Microsoft eher neu scheint, ist bei Google schon immer Konzept.
Wer Gmail nutzt, sollte dies seit langem wissen.
So weit, so schlimm. Diese Liste könnte ewiglich weitergehen, alleine mit Blick auf die Social Media Nutzung. Jetzt aber zum Kern des Beitrags:
Das alles ist nicht gut. Wir haben in Europa eine brauchbare Gesetzgebung, die all dies eigentlich verhindern solle, aber zu wenig zubeißt. Und wenn von oben nichts kommt, müssen wir eben selbst dran drehen.
Auf dem vergangenen Chaos Computer Congress 39C3 gab es einen großartigen Talk inklusive Aufruf:
Marc-Uwe Kling, Känguru und Linus Neumann initialisierten den ab sofort regelmäßig am 1. Sonntag im Monat stattfindenen Digitalen Unabhängigkeitstag.
Ziel ist es, dass möglichst viele Menschen möglichst viele kleine Dinge tun, um sich aus der amerikanischen Abhängigkeit zu verabschieden. Jeden 1. Sonntag im Monat EINEN kleinen Schritt tun. Je mehr Menschen das tun, desto eher klappt es. Dabei geht es nicht darum, direkt den kompletten Switch zu vollziehen, auch wenn das vielleicht wünschenswert wäre. Es ist aber zum großen Teil letztendlich noch nicht umsetzbar. Aber in kleinen Schritten eben schon.
Gemeinnützige Organisationen und Initiativen bieten Workshops an, lehren, bringen bei, wie dies gelingen kann. Aber der Kampagnen-Website di.day gibt es kleine „Rezepte“, wie unterschiedliche kleine Wechsel vollzogen werden können.
Eine Mastodon-Nutzerin postete, sie habe es sich von ihrer Familie zum Geburtstag gewünscht, dass die Familiengruppe nun von WhatsApp zu Signal wechselt.
Ich halte diese Initiative (ähnlich wie Save Social) für einen ganz großartigen Ansatz und eine tolle Idee. Viele Menschen kennen Alternativen gar nicht. Auch wenn ich persönlich davon ausgehe, dass diese Kampagne eher nischig und Diesel-Dieter und Stammtisch-Günther unbekannt bleiben wird, so zeigt sie den Weg: Hin zu digitaler Unabhängigkeit und Mündigkeit, die wir alle dringend brauchen.
Was habe ich bereits getan?
Einiges habe ich oben schon geschrieben.
- Twitter wurde vor ein paar Jahren zu Mastodon (mit eigener Instanz fundraising.social).
- Insta wurde Pixelfed.
- Google Suche wurde durch Ecosia ausgetauscht. Klappt im Alltag zu 90%.
- Clouddaten liegen in der Schweiz oder auf dem NAS
- Website- und E-Mail Hoster sind deutsche Anbieter.
- Browser sind Vivaldi und Firefox.
- Amazon wird vermieden, so gut es geht. Klappt nicht immer.
- CRM und Projektverwaltung: Obsidian. Alles lokal.
- Dokumentenverwaltung: DevonThink, ebenfalls alles lokal und Sync per Bonjour.
- Buchhaltung: liegt in Deutschland (fraglich, auf welchen Servern)
- Über die Jahre bin ich zu einem echten OpenStreetMap Freund geworden und trage auch fließig Dinge ein.
Was steht bei mir zusätzlich aktuell noch an?
Die Zoom-Lizenz wird jetzt wohl nicht verlängert und Norwegen kriegt den Zuschlag.
Was ich brauche:
- Eine Alternative für Smugmug, meiner Fotoprojekt-Verwaltung inklusive Photosharing. Die ist gerade auch in Richtung meiner Kunden wichtig.
- Kalender: Fantastical ist super, aber kontengebunden. Das ist doof. Bislang hab ich noch nichts wirkliches gefunden, was ähnlich komfortabel und gut ist.
- Ich brauche was zum Austausch von Google Sheets. Nutze ich nun auch nicht wirklich oft, aber regelmäßig.
Los, angeben!
Klingt doch schon mal mehr, als andere vielleicht gemacht haben. Ich will dafür jetzt nicht gestreichelt werden, aber der Ralf Stockmann hat in der aktuellen Freakshow noch mal betont, dass man damit nun auch angeben muss. Tu ich also.
Und Ihr da draußen, Ihr kriegt jetzt auch den Hintern hoch. Schritt für Schritt und mit kleinen Dingen.
Was bei mir noch nicht funktionieren wird:
Durch den Job muss ich weiterhin amerikanische KI-Systeme testen und ausprobieren. Außerdem bin ich seit über 20 Jahren fest in der Apple-Infrastruktur drin. Das ist meine Workbase, die ich auch aktuell nicht durch Linux umbauen kann (und möchte).
Dazu gehört auch Apple Music, das einfach im Abo mit drin ist.
LinkedIn ist noch da und in der Tat zwischen der ganzen Selbstdarstellerei an vielen Stellen hilfreich.
Mein elektrisches Gefährt läuft mit Google Automotive (was übrigens richtig gut funktioniert), das lässt sich nicht jailbreaken. Readwise + Readwise Reader sind amerikanisch und nutze ich auch täglich.
ToDos: OmniFocus. Sync über amerikanische Server. Hier bin ich aber ehrlich gesagt ein wenig entspannt.
Youtube. Ja, Youtube ist ein echter Endgegner. Aber man darf ja noch hoffen.
Also, für den Kalender: Jeder 1. Sonntag im Monat ist ab sofort digitaler Unabhängigkeitstag.
