Mal ehrlich: Die häufigste Frustration mit KI-Tools ist nicht, dass sie falsche Antworten geben. Das ist seit Beginn des Jahres stark reduziert worden. Es ist, dass sie bei jeder neuen Unterhaltung wieder von vorne anfangen.
Warum Claude immer vergisst, wer ihr seid (und was ihr dagegen tun könnt)
Claude weiß nicht mehr, dass ihr im Fundraising unterwegs seid. Nicht mehr, dass ihr lieber kurze Antworten mögt. Nicht mehr, in welchem Projekt ihr gerade steckt.
Das Grundprinzip dahinter ist einfach: Jede Unterhaltung beginnt ohne Erinnerung. Was Claude "weiß", kommt ausschließlich aus dem, was beim Start in den Kontext geladen wird. Wer das versteht, kann es gestalten. Wer es ignoriert, erklärt sich jede Woche neu.
Es gibt eine Lösung, aber ihr müsst sie bauen
Claude Code, das Kommandozeilen-Werkzeug von Anthropic, führte vor ein paar Monaten ein simples Konzept ein: die CLAUDE.md. Eine Markdown-Datei, die Claude vor jeder Sitzung liest. Dort steht, was sonst in jedem Gespräch neu erklärt werden müsste.
Das Prinzip klingt banal. Die Umsetzung macht aber einen erheblichen Unterschied, weil die Datei nicht nur global existiert, sondern hierarchisch: Es gibt eine globale Datei für alles, was immer gilt, eine Datei pro Projektordner für projektspezifische Regeln und eine Datei pro Unterordner für das, was dort besonders gilt. Jede Ebene überschreibt die übergeordnete, wenn sie sich widerspricht.
Das Ergebnis ist ein Kontext-System mit klarer Struktur statt eines einzigen riesigen Prompts, der alles erschlägt.
Nicht eine Datei, sondern fünf Schichten
Wer etwas tiefer einsteigt, merkt: Es sind nicht nur einzelne CLAUDE.md-Dateien, sondern ein ganzes Schichtsystem.
Schicht 1: Globale Verhaltensregeln
Hier steht, wie Claude generell auftreten soll: Sprache, Ton, Fachkontext, grundlegende Verbote. Bei mir steht dort unter anderem, dass Claude immer auf Deutsch antworten soll, keinen Marketing-Ton verwenden darf und keine Fakten erfinden darf. Außerdem ein Hinweis, welche weiteren Dateien Claude zu welchem Zeitpunkt und unter welchen Bedingungen laden soll.
Schicht 2: Projekt-CLAUDE.md
Wenn ich in einem bestimmten Projektordner arbeite, liest Claude zusätzlich die dortige CLAUDE.md. Dort stehen die Eigenheiten des Projekts: welcher Stack, welche Ports, welche Dateipfade sind tabu, was ist die Architektur. Ich habe dort zum Beispiel eine klare Warnung, meinen Obsidian-Vault nicht direkt über das Dateisystem anzufassen, weil das die Datenbank korrumpiert. Das muss Claude nicht von mir hören, die Datei sagt es.
Schicht 3: Persönliche Kontext-Dateien
Das ist meine/individuelle subjektive Eigenentwicklung, die ihr auch in eurer Organisation handhaben könnt und Tool-unabhängig ist. Neben den CLAUDE.md-Dateien gibt es bei mir einen about-me/-Ordner mit vier Dateien: aboutme.md (wer ich bin, was ich mache, wie ich denke), memory.md (laufende Projekte, bestätigte Entscheidungen, was bei der letzten Sitzung war), schreibregeln.md (wie Texte in meiner Stimme klingen sollen) und coding-grundsaetze.md (wie ich Code-Arbeit organisiert haben will). Claude lädt diese Dateien nach Bedarf, geregelt durch die globale CLAUDE.md. Weitere Kontexte werden bei Bedarf hinzukommen.
Schicht 4: Skills
Skills sind Module mit eigenem Kontext, die bei Bedarf aktiviert werden. Ein Skill hat eine eigene Anleitung, manchmal auch eine ganze Bibliothek aus Referenzmaterial. Mein fundraising-experte-Skill zum Beispiel enthält über zehn Fachbücher als Markdown-Dateien, das Fundraising-Handbuch und spezialisierte Quellen zur Großspendenarbeit. Wenn ich fundraisingbezogene Aufgaben bearbeite, lädt Claude dieses Wissen automatisch dazu. Das Ergebnis ist ein anderes, als wenn Claude aus seinem allgemeinen Trainingswissen schöpft. Mein bildprompt-Skill weiß, wie man zu einem Thema gute Bildprompts baut, mein branding-skill kennt mein Corporate Design und kann es anwenden.
Schicht 5: Projekt-Settings
settings.local.json-Dateien in Projektordnern legen fest, welche Befehle Claude Code ohne Nachfragen ausführen darf. Das ist vor allem für Entwicklungsworkflows relevant. Statt jedes Mal auf Freigabe zu warten, läuft der etablierte Workflow einfach durch.
Wo was funktioniert, und wo nicht
Nicht alle Schichten funktionieren überall gleich.
Claude Code liest alle Schichten: CLAUDE.md-Dateien, Skills als eigene Slash-Commands (Kurzbefehle, die ihr mit einem / aufruft), settings.local.json. Wer intensiv mit Claude Code arbeitet und dieses System aufbaut, hat einen spürbaren Vorteil gegenüber jemandem, der jede Sitzung neu erklärt.
Cowork (der Desktop-Client von Anthropic) funktioniert ähnlich: Die globale CLAUDE.md läuft über das Plugin-System, die Projekt-CLAUDE.md wird automatisch geladen, weil der jeweilige Ordner aktiviert ist. Skills erkennen Triggerwörter und werden automatisch aktiviert. Wenn ich schreibe "formuliere das für meinen Blog", lädt Cowork den maik-meid-schreibstil-Skill, ohne dass ich etwas tun muss.
Claude.ai (Web, iOS, Desktop-Chat) kennt "Projects" mit einem manuell eingepflegten System-Prompt. Wer dort konsistente Ergebnisse haben will, muss den Kontext von Hand zusammenschreiben und aktuell halten. Das ist machbar, aber ein ganz anderes Arbeitsmodell. Skills lassen sich dort per Slash-Command aufrufen (/maik-meid-schreibstil) oder automatisch antriggern.
Das System wird nicht nur einmal eingerichtet, es muss gepflegt werden.
Die wichtigste Erkenntnis ist keine technische, sondern eine konzeptionelle: Claude ist kein Tool, das ihr einmalig einrichtet. Es ist ein System, das ihr pflegt.
Meine memory.md war bis vor einiger Zeit noch leer, obwohl ich die Datei schon lange hatte. Ich hatte schlicht vergessen, sie nach Sitzungen zu aktualisieren. Entsprechend konnte Claude keine Kontinuität aufbauen.
Jetzt steht dort, welche Projekte gerade aktiv sind, welche Entscheidungen wir getroffen haben und was bei der letzten Sitzung besprochen wurde. Der Unterschied ist erkennbar.
Ja, das ist Aufwand. Aber er eliminiert den täglichen Erklärungsaufwand. Wer einmal gut dokumentiert, erklärt sich nicht mehr jede Woche neu.
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_Dieser Text bezieht sich auf den Stand von Mai 2026. Das Claude-Ökosystem ändert sich schnell, Cowork ist noch in der Research-Preview-Phase. Einiges davon könnte in sechs Monaten anders aussehen._