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What a time to be alive!

Also, dieser Beitrag hier wird vermutlich etwas konfus, aber ich möchte gerne die vergangenen Wochen und Tage kommentieren und hinterlassen. Vielleicht ist das hier auch gerade nur Psychohygiene. Aber ich teile es trotzdem mal mit euch.

Neulich stand ich vor Menschen eines Diakonischen Werks und durfte Dinge beibringen. Dabei ließ ich einen Satz fallen: "Ich habe in den letzten 12 Monaten keinen expliziten Fotoauftrag mehr durchgeführt." Man könnte das jetzt auf Tagessätze oder auf mangelnde Qualität schieben, aber das glaube ich nicht.

Heute bekam ich dann auf LinkedIn eine Bestätigung, dass es nicht nur mir so geht. Mit Zahlen unterlegt und bewiesen zeigte eine Kollegin, wie die gesamte Fotowelt gerade zerlegt wird und welche Arten von Fotografie überhaupt nur noch eine - wenn auch kurze - Zukunft haben. Ich unterschreibe das so. Aber mir geht es hier um was anderes:

Die Zeitspannen, in der Dinge aktuell disruptiert und ad absurdum geführt werden, ist atemraubend. What a time to be alive! Nur mal kurz zur Erinnerung: Erst Ende November 2022 schmiss OpenAI ein Interface auf die Menschen, wo Dinge eingetippt werden konnten. Damals alles noch recht lustig, da kaum was wirklich qualitativ funktionierte.

Es ging dann weiter:

  • 05.12.2022 - 1 Mio. Nutzende nach 5 Tagen
  • 14.03.2023 - GPT 4 wird veröffentlicht
  • 20.06.2024 - Anthropic kündigt Claude 3.5 Sonnet an
  • 02/2025 - Claude Code kommt raus
  • 05/2025 - Claude 4 kommt raus
  • 10/2025 - Skills werden vorgestellt
  • 02/2026 - OpenAI übernimmt die Skills-Funktion
  • 02/2026 - Claude Opus 4.6 und Cowork kommt raus: Und die Welt ist eine andere!

In den letzten sechs Wochen hat sich meine Welt komplett gedreht. Ich habe so viel gelernt. Ich hab die Kommandozeile wieder lieb gewonnen, meine Website läuft nun auf Kirby (ebenfalls Reintext und Dateiordner Basis) und flirtet den ganzen Tag mit Claude Code.

Was ist geschehen? Dreierlei.

Vorweg: Man möge mir verzeihen, dass ich hier sehr stark auf die Anthropic Perspektive eingehe und OpenAI und ChatGPT bei meinen Erzählungen nahezu vernachlässige. Ich bin seit 2024 eher auf der Claude Seite und nutze aus unterschiedlichen Gründen ChatGPT kaum noch.

Dreierlei Dinge sind also passiert.

Erstens: Claude hat im Februar 2026 die Modelle Opus und Sonnet 4.6 herausgebracht. Alle diejenigen, die sich bislang über Halluzinationen echauffiert haben, werden nun eines Besseren belehrt. Natürlich sind die Ergebnisse von KI-Ergüssen immer noch zu kontrollieren. Aber nun haben wir eine Qualität erreicht, die so überraschend gut ist, dass sie in den allermeisten Fällen ausreicht. Vorsicht allerdings: Die Gratis-Modelle sind weiterhin mehr schlecht als recht. Wir kriegen hier also einen gehörigen Knick in die Qualität. Die Investition von 20 Dollar im Monat ist zur Pflicht geworden, wenn man ein funktionierendes Werkzeug einsetzen möchte.

Zweitens: Die vollkommene Verschiebung von einem Sprachmodell als reinem Promptverarbeiter hin zu völlig autark und agentisch arbeitenden Assistenzen. (Hier kommt jetzt erst mal kein Hinweis auf das, was da gerade mit OpenClaw passiert. Ein anderes Mal vielleicht.)

Die Entwicklung von Claude Cowork aus Claude Code in Verbindung mit der Version 4.6 heraus ermöglicht nun technisch weniger affinen Menschen die alltägliche Zusammenarbeit mit einer persönlichen Assistenz, die so sinnvolle Dinge tut, dass sie den Arbeitsalltag komplett umstellen kann.

Diese Entwicklung kann ich für mich persönlich gar nicht größer definieren, so krass sehe ich sie.Als einzelkämpfender Selbstständiger kann ich natürlich große Töne spucken. So ist die große Mehrheit der Beschäftigten in vorhandenen Corporate-Strukturen gefangen. Dort ist es eben mal nicht möglich, mal eben schnell ein Cowork-System einzusetzen. (Heute flickerte über den Bildschirm, dass Microsoft ebenfalls kurzfristig einen Cowork-Assistenten an den Start bringt, der mit Anthropic gemeinsam entwickelt wurde. Kostenpunkt 100 Dollar pro Monat. Mal schauen, was das gibt. Mit Microsoft kenne ich mich nicht aus und will das auch gar nicht.)

In den letzten sechs Wochen habe ich einen Dienstreiseabrechner gebaut, der mir jeden Monat mindestens 40 Minuten Zeitersparnis bringt. Die Beihilfe-Abrechnungen für meine Mutter schnurren jetzt quasi vor sich hin. Ich habe einen Stockfoto-Keyword Generator gebaut, einen Assistenten für Fundraising-Umfeldanalysen für Organisationen entwickelt und aus meinen vorhandenen Daten ein grafisches Interface für mein CRM. Eine schicke kleine Verwaltung für meine digitalen Abos hab ich jetzt auch.

Apropos Abos: Zwei kleine Abos für zwei Softwareprodukte hab ich gekündigt, weil ich die Software selbst hab nachbauen lassen. Und außerdem habe ich mit eigenem Verschulden eine Website abgeschossen, die ich nicht selbst gebaut habe und ich war ziemlich aufgeschmissen. Zwei Stunden später stand sie wieder, Dank Claude Code.

Alles undenkbar vor noch einem halben Jahr.

Lasst mich noch ein Stück weiter ausholen, warum das alles ganz großartig wirkt. Jetzt kommt eher was für die Nerds unter euch: Ich arbeite seit vielen Jahren mit Obsidian. Ein reines Textdateien-Tool, ohne das ich nicht mehr leben könnte. Es ist mein Projektmanagement-Werkzeug, genauso wie ein CRM, die KI Linkliste läuft darüber, Readwise Reader kopiert da Dinge rein, meine Promptdatenbank liegt dort und so weiter und so fort. Aber es funktioniert alles auf der Basis von reinem Text und Markdown. Sollte es Obsidian nicht mehr geben, so ist das alles kein Problem, weil, hey, das sind ja lokale Textdateien, die jedes andere Programm öffnen und bearbeiten kann.

Diese Art zu arbeiten war und ist mir immer wichtig gewesen. Wer mehr über Obsidian erfahren will: Youtube ist Euer Freund. Aber Achtung, Kaninchenbau!

Prompten lernen ist soooo 2025!

Wer bis hierhin gelesen und mitgezählt hat: Bislang hab ich nur zwei Dinge geliefert.

Hier ist Nummer drei: Euer Wissen ist Text!

In den letzten Jahren haben wir alle gelernt, dass wir gute Prompts definieren müssen und diese dann in ein Sprachmodell packen. Dieses Modell schmeisst dann ein entsprechendes Ergebnis raus. Das bedeutet aber auch, dass wir immer wieder bei Null anfangen müssen, um dem System den Kontext zu erklären. Durch die mittlerweile gar nicht mehr so neue Skills-Funktion (Remember: Oktober 2025!) stimmt das nun nicht mehr. Prompten ist so 2025.

Es gilt also nun in den Organisationen, das vorhandene Wissen so zu strukturieren, dass sie als Skill in den jeweiligen Sprachmodellen zur Verfügung stehen. Sie müssen somit raus aus ihren Korsetts der proprietären Systeme und rein in einfach zu verstehende Syntaxen. Back to the roots. Wir kommen zurück zu dem, womit Computer angefangen haben: zu reinen Textfiles.

Und genau das ist das, was mich gerade so fasziniert und mich auch freut. Zum einen, weil ich persönlich immer schon daran geglaubt habe, ätsch. Zum anderen, weil mir persönlich diese Konstruktion überhaupt nicht fremd ist. Aber ich sehe auch, dass dies die größte Herausforderung für die Organisationen sein wird, die so viele unterschiedliche Systeme, Abläufe, Prozesse und Softwareprodukte im Einsatz haben.

Persönlich haben Claude und ich gestern einen wirklich sehr erwachsenen Skill rund um das Fundraising gebaut. Das Ding weiß jetzt wirklich sehr viel und hat superviel Wissen aus sehr vielen Jahren Erfahrung und Quellen. Hinreißend zu sehen, wie der oben erwähnte Fundraising Umfeldanalysen-Assistent qualitative Sprünge gemacht hat. Andere Skills sind "in the making" oder schon fertig. Welche machst Du als erstes?

Und nu?

Vielleicht lebe ich in einer Blase, mag sein. Wahrscheinlich sogar. Und vielleicht sorgt dies auch dafür, dass die Schere derer, die stehenbleiben und derer, die schnell weg sind, sehr zügig auseinander geht. Egal, wie ich persönlich dazu stehe: Das wird schwierig. Mir geht es wirklich nicht gut damit.

Auf der einen Seite bin ich fasziniert davon, was alles gerade geht. Ich bin fasziniert davon, das alles selbst anzupacken und auszuprobieren. Aber ich habe auch Angst davor, dass wir Menschen und Organisationen und Institutionen liegen lassen. Menschen, die das alles ignorieren. Schlimm ist es besonders für Menschen in Organisationen, die unbedingt loslegen wollen, denen aber Steine in den Weg gelegt werden oder denen gar bestimmte Einsätze gar nicht gestattet werden. Sei es aus budgetären Gründen, aus Compliance Gründen oder aus dem gerne universell einsatzbaren Datenschutz-Joker. Das ist wirklich fatal. Gut wäre, dennoch zu beginnen, wenn zumindest der Copilot zur Verfügung gestellt wird. Alles ist besser, als gar nichts zu machen.

Wer mich kennt weiß, dass ich eigentlich sehr kritisch gegenüber fast allem eingestellt bin. Halb leeres Glas und so. Bedenkenträger galore. Und gerade hier bei diesem Thema habe ich auch mehr Fragen als Antworten.

Aber ich bin auch fest davon überzeugt, dass wir alle hier mitspielen müssen, allen berechtigten kritischen Auseinandersetzungen zum Trotz. Ja, es sind ungeklärte Energiefragen. Ja, die Auswahl an europäischen und unter europäischen Rechtsrahmen fallenden Anbieterunternehmen ist sehr eingeschränkt. Die Frage nach der Code-Sicherheit schafft mir schlaflose Nächte (Daher würde ich die Code-Ergüsse auch niemals veröffentlichen). Und ja, es gibt noch viel mehr Aspekte, die hier genannt werden und auf die Antworten gefunden werden müssen.

Aber der Zug rollt. Mitspielen wird vielleicht sogar nicht reichen. Wir müssen springen. Und ich komme jetzt schon nicht mehr mit, obwohl mein Alltag daraus besteht, genau diese Entwicklungen zu verfolgen. Ich sehe schwarz für all die Organisationen, die jetzt nichts tun und den Wandel nicht verstehen. Und vor allem aber soll dies hier ein Appell sein an alle da draußen, abseits von irgendwelchen halbherzigen KI-Pflichtschulungen zu verstehen, was sich hier gerade ändert und Interesse zu zeigen. KI ist kein Leisure-Thema. Habt Mut zur Veränderung. Diese kommt aktuell schneller, als wir es gewohnt sind:

What a time to be alive!

Ach übrigens noch mal ein Nachsatz zum Thema Fotografie: Ich habe mir eine neue Kamera gekauft. Eine, die entschleunigt, mit der man Fotos wieder bewusst machen kann. Fotografie als Ausgleich zum hektischen Alltag. Keine Einnahmequelle, aber Seelenfrieden.

(Und nein, nix mit KI geschrieben. Alles meins. Nur das Bild oben ist KI.)

TL;DR

Ein persönlicher Erfahrungsbericht über die KI-Disruption der letzten Monate: Seit Anfang 2026 haben sich Claude 4.6, agentische Assistenten (Cowork) und die Skills-Funktion so verändert, dass selbst Nicht-Techies eigenständig Tools bauen können – vom Dienstreiseabrechner bis zum CRM. Die eigentliche Botschaft: Prompting war gestern, jetzt zählt strukturiertes organisationales Wissen als Textbasis für Skills. Der Zug rollt – und wer jetzt nicht aufspringt, bleibt zurück.


Tach, ich bin Maik Meid.

Ich unterstütze seit 20 Jahren gemeinnützige Organisationen und Unternehmen aus der Sozialwirtschaft mit Medien und Workshops rund um’s Fundraising und Kommunikation. Und seit Anfang 2023 bleibe ich für Euch tagesaktuell auf dem KI-Entwicklungsstand der Dinge. (Ich mach wirklich kaum anderes mehr…)

© Maik Meid Fundraising Media