Es gibt diesen Moment in fast jedem meiner KI-Workshops, der mich inzwischen fast unsicher macht.
Ich erkläre, dass KI besser arbeitet, wenn man ihr guten Kontext gibt. Hintergrundwissen, Beispiele, die eigene Tonalität, alles, was das Modell nicht von selbst wissen kann. Und dass dieser Kontext idealerweise als reine Textdatei kommt. Dann gehen Hände hoch, und die Frage ist immer dieselbe: „Also, eine Word-Datei?"
Nein. Und dieses „Nein" sauber zu erklären, ist überraschend schwer. Nicht weil die Leute es nicht kapieren, sondern weil ihnen nie jemand gesagt hat, dass es unter ihrer gewohnten Oberfläche noch eine Ebene gibt. Word ist für viele nicht ein Programm, das Text bearbeitet. Word*ist* der Text. Also hole ich für diesen Blogpost etwas weiter aus, damit ihr beim nächsten Mal nicht mehr fragen müsst.
Was eine Textdatei wirklich ist
Eine reine Textdatei ist Text. Nur Text. Buchstaben, Zahlen, Satzzeichen, Zeilenumbrüche. Sonst nichts. Keine Schriftart, keine Schriftgröße, kein Fettdruck, keine Seitenränder, keine eingebetteten Bilder, keine Kommentare am Rand. Die Datei kennt nur die Zeichen selbst, nicht ihr Aussehen.
Erkennbar ist sie an der Endung .txt. Und genau hier liegt der Unterschied zu Word: Eine Word-Datei (.docx) ist eben nicht nur euer Text. Sie ist euer Text plus eine ganze Verwaltungsmaschine drumherum, die festhält, dass Überschrift 1 in Calibri 16 Punkt blau gesetzt ist, dass auf Seite drei ein Bild klebt und dass Kollegin Schmidt vor zwei Wochen einen Kommentar hinterlassen hat. Diese Maschine ist nützlich, wenn ihr ein Dokument zum Ausdrucken oder Verschicken baut. Sie ist Ballast, wenn ihr einer KI einfach nur Inhalt geben wollt.
Wenn ihr eine .docx öffnen würdet, ohne Word, also den nackten Inhalt der Datei anschaut, dann seht ihr nicht euren Brief. Ihr seht einen Wust aus technischem Code, in dem euer eigentlicher Text irgendwo verstreut liegt. Eine .txt dagegen ist genau das, was ihr seht. Da ist nichts versteckt, nichts dazwischen.
Warum die KI das lieber mag
KI-Modelle arbeiten mit Text. Wenn ihr ihnen eine saubere Textdatei gebt, kommt der Inhalt ohne Umwege an. Klar, eindeutig und ohne Formatierungs-Rauschen.
Bei einer Word-Datei muss das Tool den eigentlichen Text erst aus der Verwaltungsmaschine "herausschälen". Meistens klappt das, aber eben nicht immer sauber. Mal rutscht eine Tabelle durcheinander, mal landen Kopfzeilen mitten im Fließtext, mal verschwinden Absätze. Ihr habt dann das Gefühl, der KI guten Kontext gegeben zu haben, aber angekommen ist eine leicht verbeulte Version davon. Bei reinem Text passiert das nicht. Was drinsteht, kommt an.
Dazu kommen die praktischen Vorteile. Eine Textdatei ist winzig. Sie lässt sich mit jedem Programm auf jedem Gerät öffnen, heute und in zwanzig Jahren noch. Sie ist nicht an einen Hersteller gebunden. Ihr braucht keine Lizenz, kein Abo, kein bestimmtes Betriebssystem. Eine .txt von 2003 öffnet ihr heute problemlos. Ob eure heutige .docx in zwanzig Jahren noch genauso aussieht, würde ich nicht beschwören.
So erstellt ihr eine reine Textdatei
Das ist der Teil, vor dem die meisten völlig unnötig Respekt haben. Ihr braucht kein neues Programm. Auf eurem Rechner ist längst eins installiert.
Auf dem Mac heißt es TextEdit. Wichtig: Es startet standardmäßig im Rich-Text-Modus, der heimlich doch wieder Formatierung mitschreibt. Im Menü „Format" auf „In reinen Text umwandeln" klicken, dann seid ihr richtig. Speichern, fertig, ihr habt eine .txt.
Unter Windows heißt das Programm Editor (oder „Notepad"). Das kann von Haus aus nichts anderes als reinen Text. Genau deshalb ist es perfekt. Öffnen, tippen, speichern.
Und wenn ihr es ganz unkompliziert mögt: In den meisten KI-Tools könnt ihr euren Kontext auch einfach direkt ins Eingabefeld kopieren. Auch das ist reiner Text. Die Datei ist nur die saubere, wiederverwendbare Variante davon.
Der nächste Schritt heißt Markdown
Wenn ihr bei der reinen Textdatei angekommen seid, wartet schon die nächste Stufe. Sie heißt Markdown, und sie ist weniger kompliziert, als der Name klingt.
Markdown ist immer noch reiner Text. Aber mit ein paar winzigen Zeichen, die Struktur andeuten, ohne dass ihr dafür Knöpfe drückt. Ein # am Zeilenanfang macht eine Überschrift. Zwei Sternchen um ein Wort machen es**fett**. Ein Bindestrich am Zeilenanfang macht einen Aufzählungspunkt. Das war im Kern schon die ganze Geschichte.
Der Witz daran: Ihr seht beim Tippen sofort, was gemeint ist, und die KI versteht die Struktur trotzdem glasklar. Eine Überschrift ist eine Überschrift, eine Liste ist eine Liste, und das alles, ohne dass ihr die Textebene verlasst. Markdown ist sozusagen reiner Text, der ein bisschen aufgeräumt ist. Dateien tragen dann die Endung .md. Aber das ist Kür. Für den Anfang reicht .txt vollkommen.
Und wenn ihr es trotzdem nicht greifen könnt
Dann nehmt Word.
Das meine ich ernst. Ich erkläre euch hier den sauberen Weg, weil er der bessere ist. Aber der schlechteste Weg ist der, auf dem ihr gar nicht losgeht. Wenn die Textdatei für euch heute eine Hürde ist, an der ihr hängenbleibt und entnervt aufgebt, dann ist eine Word-Datei mit eurem Kontext unendlich viel wertvoller als eine perfekte Textdatei, die ihr nie anlegt.
Die KI kommt mit eurer .docx in den allermeisten Fällen gut klar. Es ist nicht ideal, aber es funktioniert. Fangt also mit dem an, was ihr könnt. Die saubere Textdatei holt ihr euch beim übernächsten Mal. Oder beim überübernächsten. Hauptsache, ihr fangt überhaupt an, euren Kontext aufzuschreiben, statt ihn bei jedem Prompt neu aus dem Kopf zu kramen.
Also, eine Word-Datei? Zur Not ja. Aber jetzt wisst ihr, warum es besser geht.
Bonus-Tipp
Wer öfter mit Textdateien oder Markdown zu tun hat, möchte nicht mit TextEdit oder Notepad arbeiten, weil diese beiden Programme nicht wirklich komfortabel sind. Es gibt da draußen aber ganz großartige Markdown-Editoren, die man vielleicht mal ausprobieren möchte. Ich kenne mich nur auf dem Mac aus, aber da wären das zum Beispiel iA Writer oder Ulysses. Oder, etwas nerdiger, Sublime. Natürlich kann Obsidian (das aus diesem Artikel hier) auch Markdown, aber das wäre etwas zu viel des Guten für den Einstieg.
Habt Spaß!